Optimieren heisst priorisieren

„Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.“
Albert Schweitzer

Was wird optimiert? Viel ist die Rede von Optimierung, Weiterbildung und Wachstum. Zuerst müssten diese Fragen beantwortet werden: Warum wird hier optimiert? Ist es sinnvoll? Was soll damit erreicht werden?

Die Pandemie hat uns sehr geholfen, bisherige Entscheidungen zu hinterfragen. Haben wir die richtigen Prioritäten gesetzt? Wurde am richtigen Ort optimiert und ausgebildet? Dass seit Beginn der Pandemie 24 Prozent der SchweizerInnen mindestens einmal ihren Arbeitgeber gewechselt haben, ist bedenklich. Ein Viertel davon sogar, ohne eine neue Stelle in Aussicht gehabt zu haben. Ich glaube, die Statistik könnte leicht verdoppelt werden, da sie nur zeigt, wer gehandelt hat. Ich bin sicher, es gibt nochmals 24 Prozent, die mit eben diesem Gedanken spielen, aber den Mut nicht hatten oder aus anderen Gründen zurzeit nicht handeln können. Die Pandemie hat Mitarbeitenden eine neue Perspektive eröffnet. Sie merkten oft, dass es ihnen im Homeoffice besser ging. Keine langen Anfahrtswege mit Stau, keine dysfunktionalen Teams und körperlichen Symptome, die sich vornehmlich Sonntagabend zeigten.

Diese Tatsache müsste jedem Leader/jeder Leaderin zu denken geben und ist für mich lediglich ein Spiegel der Unternehmenskultur und wie heutzutage mit Mitarbeitenden umgegangen wird. Mehr Lohn kann nur teilweise und meist zeitlich beschränkt eine unbefriedigende Unternehmens-oder Teamkultur kompensieren. Der Mensch ist keine Zitrone, die man einfach auspressen kann, bis kein Saft mehr kommt.

Jetzt überlegen sich Unternehmen nachträglich und krampfhaft, wie sie gute Mitarbeitende behalten und ans Unternehmen binden können. Solche und ähnliche Aktionen lösen das Problem natürlich nicht. Die Lösung ist dieselbe wie vor einem, fünf oder zehn Jahren – ein Mensch möchte geachtet und wertgeschätzt werden.

Falsche Prioritäten?

Wachstum und Weiterbildung im beruflichen Kontext sind oft mit Fachwissen verknüpft. Die Welt ist im Wandel, und es ist auch klar, dass wir uns zu einem gewissen Grad weiterbilden müssen, um mithalten zu können. Leute bilden sich links und rechts weiter und weisen Diplome vor, weil das Unternehmen verlangen. Fachwissen macht uns aber nicht zu einem besseren Menschen. Wissen hat es uns ermöglicht, Leute ins Weltall zu schicken, aber was bringen uns dieses Wissen und diese Erfahrung, wenn wir als Menschheit miteinander nicht auskommen? Ein Unternehmen kann top ausgebildete Mitarbeiter anziehen und gleichzeitig eine Kultur prägen, wo jeder nur leistungsorientiert für sich arbeitet und kein Teamgeist vorhanden ist.

Wir müssen uns wieder auf das Wesentliche zurückbesinnen, nämlich auf den einzelnen Menschen. Da Fachwissen von Natur aus wenig Einfluss auf die Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen und Teamarbeit hat, dürfen LeaderInnen und Unternehmen fachliches Wissen nicht überwerten. Es ist wohl wichtig, kann aber on the job oder nebenbei problemlos angeeignet werden.

Neue Wege

Weiterbildungen betreffend persönliches Wachstum sind für LeaderInnen deutlich mehr Arbeit in der Umsetzung, da auch sie aufgefordert sind, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Es ist für viele Mitarbeitende Neuland, sich und anderen auf dieser Ebene zu begegnen, nämlich auf der menschlichen Ebene, dort, wo man sich auch mal von der verletzlichen Seite zeigen darf. Bekanntlich werden wir in jeder Beziehung, sei es privat oder geschäftlich, unbewusst mit ungelösten Themen aus der Kindheit konfrontiert. Deswegen braucht es einen feinfühligen, vertrauenswürdigen und erfahrenen Coach, der bzw. die uns auf diesem Weg begleitet.

Die Rede ist hier vom Aufbau einer authentischen Gemeinschaft. Dort kann sich jeder treu bleiben und wächst an den zwischenmenschlichen Herausforderungen, die sich immer wieder zeigen werden. Darin liegt indes das wahre Potenzial der Mitarbeitenden. Je mehr der oder die Einzelne in seinem bzw. ihrem Wesen gestärkt wird, desto weniger Bedeutung bekommt die (Be-)Wertung von Stärken und Schwächen. Man nimmt die Menschen an, wie sie sind, und sucht gemeinsam Lösungen. Das heisst natürlich nicht, dass jedes Verhalten wünschenswert ist, aber man kann auch „problematisches“ Verhalten als eine Art von Kommunikation ansehen. Wenn jemand beispielsweise emotional und laut wird, ist es leider oft der einzige Weg, den sie kennen, um zu sagen: Etwas stimmt in meiner Welt nicht. Sie wissen nicht, wie sie um Hilfe bitten oder wie sie Hilfe bekommen könnten.

Authentische Gemeinschaften

Unsere Gesellschaft fordert Konformität, damit ein Mensch akzeptiert ist. Dadurch kann der Mensch aber meist auch viel leichter manipuliert werden. Tiere und kleine Kinder fordern Authentizität, damit sie einen Mensch akzeptieren. Warum? Weil Authentizität vertrauensfördernd ist. Und wenn Vertrauen vorhanden ist, darf man sich auch von der verletzlichen Seite zeigen. In dieser Art von Gemeinschaft lernen Mitarbeitende den konstruktiven Umgang mit Emotionen, mit den eigenen, als auch mit denen anderer Menschen. Es entsteht auch ein Raum, wo Bedürfnisse kommuniziert, diskutiert und akzeptiert werden. Wenn sich jede und jeder im Team wohlfühlt und von anderen geachtet und wertgeschätzt wird, besteht auch kein Bedarf, andere zu manipulieren oder kleinzumachen. Man erkennt und akzeptiert die Tatsache, wo der bzw. die Einzelne gerade so steht im Leben.

Fazit

Optimierung, Weiterbildung, und Wachstum … ja, wenn sie mit mehr Menschlichkeit im Alltag verbunden sind. Wir sind gezwungen, neue Wege zu gehen, wenn wir die heutige Welt anschauen. Sie als Leaderin, als Leader haben es selbst in der Hand, Ihren Beitrag dazu zu leisten.

Worauf legen Sie Wert im Alltag?

Dieser Beitrag ist zuerst im Ladies Drive Magazin, Sommer 2022, veröffentlicht worden.

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